31. Dezember 2009

...alles gut



Ja, so sagt man und auch wenn es "alt und abgedroschen" erscheint, so ist noch immer viel Wahrheit darin verborgen

- Hier folgt also die zweite und letzte Erzählung von den




Winterrosen  


Doch das Bild der erblühenden Rose wärmte und erleuchtete Regen das Herz während des ganzen Heimfluges. Wortlos schob er sich neben Frost auf die Bank, als die Mutter die dampfenden Schüsseln auftrug. Anders als sonst griff Regen nicht herzhaft zu, verlangte keinen Nachschlag, sondern ließ immer wieder den Löffel sinken, während die Geschwister lachten und erzählten, was sie den ganzen Tag rund um den Globus erlebt hatten. Regen hatte keinen Hunger, der eine Blick auf die Rose wirkte nach wie ein Stärketrunk. Frost ließ die hellen Augen auf dem geistesabwesenden Bruder ruhen und fragte schließlich leise: „Du mußt etwas Wunderbares erlebt haben, Du bist ganz verwandelt, magst du erzählen?“
Regen stammelte, preßte schließlich hervor:
 „Auf der Lichtung... beim roten Haus... die letzte Rose...“

Frau Natur hob den Kopf, sie wußte, nun nahm das Schicksal ihres Sohnes seinen Lauf. Frost stand auf, Regen merkte es nicht, so sehr rang er noch immer um Worte. Frost glitt zur Tür hinaus, warf achtlos Degen, Sporen und Pelz zu Boden, wickelte sich in die Schleppe, griff dem stärksten Schneesturm auf der Weide hinter dem Haus in die Mähne, schwang sich hinauf, Sattel und Zaumzeug zu suchen war Frost zu ungeduldig. Er schloß die Augen, das Bild der Rose geboren aus des Bruders Worten brannte unter den Lidern. Frost hauchte dem Schneesturm das Ziel ins Ohr und der jagte willig davon in einem rasch größer und größer werdenden Wirbel aus Eisnadeln. Kaum war Prinz Frost am Rand der Lichtung gelandet, erstarrte alles unter seinem Eisatem, überzogen von einer Hülle wie glitzerndes Glas. Das Eis blitzte und Prinz Frost glühte vor Kälte, denn der Pfropf war aus dem Loch in seiner Brust gesprungen und die eisige Sehnsucht des Prinzen quoll heraus, ergoß sich als Strom gletscherblauen Leuchtens über die Lichtung und erhellte die Nacht. Noch schützte die Holzwand die Rose vor Frosts tödlichem Atem, dann stand der Prinz vor ihr, beugte sich nieder, breitete die Schleppe der Stille aus. Die Rose erschauerte bis in die Wurzeln. Prinz Frost fragte stockend: „Du Blutrote, Lebenswunder!  Bruder Regen erzählte von dir, und ohne dich je gesehen oder gerochen zu haben, liebte ich dich allein durch das Bild aus Worten, das er von dir malte. Doch was ist das Bild gegen deine lebendige Wirklichkeit. Sei mein!“
Die Rose erblaßte und flüsterte: „Dann muß ich sterben, schon erfriert meine Blüte“.
Der Prinz bat: „So schenke mir wenigstens einen einzigen Kuß!“
Die Rose antwortete schwächer werdend: „Dann muß ich sterben, schon erfrieren Blätter und Stengel.“
Da wandte sich der Prinz ab. „Nein töten will ich dich nicht, um meine größte Sehnsucht zu stillen, ein einziges Mal Leben in meinen Armen zu halten und selbst lebendig zu sein, ein einziges Mal Tränen, nicht Eisnadeln in den Augen zu haben.“
Ein Laut drang ersterbend an des Prinzen Ohr: „Ist es Dein Herzenswunsch, so umarme mich und weine“. Er fuhr herum, sah die Rose wanken, wollte sie stützen, umfing sie und während ihre Wurzeln erfroren, drangen die Dornen der Rose tief in des Prinzen Brust. Das Loch dort füllte sich rot mit Wärme, schloß sich, Blitze durchzuckten den Eisleib und aus den vereisten Wimpern fielen zwei Tränen zur Erde.
Als der Schneesturm seinen Herrn im verlöschenden gletscherblauen Licht stürzen sah, sprengte er aus dem Baumschatten, riß den Besinnungslosen hoch, hielt ihn mit starken Zähnen am Wams, stieg mit letzter zusammengenommener Kraft in die Lüfte, galoppierte zum Ende der Welt zurück, wo Frau Natur schon unruhig vor dem Haus wartete und ließ Prinz Frost in ihre hochgestreckten Arme gleiten.

Als der Hausherr am nächsten Morgen vor die Tür seines kleinen, roten Hauses trat, um Holz aus dem Stall zu holen, mußte er die Augen schließen, denn schmerzend grell glitzerte die Lichtung in einem dicken Reifpelz. Später beim Rundgang ums Haus fand der Hausherr die erfrorene Rose: So lieb hatte er sie gewonnen wie sie unverdrossen mit ganzer Lebenskraft gegen den lichtlosen November angeblüht hatte, nun stand sie starr, ausgebleicht, den Kopf geneigt und in Reifkristalle gehüllt wie in tödliches Geschmeide. Sie abzuschneiden und auf den Kompost zu legen, brachte der Hausherr nicht übers Herz, er strich sanft über den Blütenkopf.

Wenige Tage später mußte er aufbrechen und die Lichtung verlassen.

Frau Natur pflegte ihren Sohn und als er genesen war, hüllte sie ihn in ihren Mantel und flog zur verschneiten Lichtung. Sie kamen am 22. Dezember kurz vor Mitternacht an, als die Sonne eben ihre Bahn wendete. Ein sanftes blaues Leuchten breitete sich über die Lichtung. Dort, wo die beiden Tränen des Prinzen auf die Erde gefallen waren, schmolz der Schnee zu Füßen der erfrorenen Rose und ehrfürchtig betrachtet von Frau Natur und Prinz Frost schoben zwei Schneerosen ihre hellgrünen Blätter und Stengel durch eine Handbreit weich und warm werdende dunkelbraune Erde, wuchsen, knospten und öffneten  elfenbeinweiße Blütenkelche mit goldgelben Stempeln und Staubgefäßen.
„Schau, die ersten Schneerosen hier an diesem guten Ort. Sie werden blühen bis der Hausherr zurückkehrt und sie werden nun jedes Jahr in der längsten Winternacht auf seiner Lichtung für ihn erblühen!“ Prinz Frost nickte zu den Worten seiner Mutter, doch nicht auf den Schneerosen, weiß wie er, ruhte dankbar sein Blick, sondern auf der erfrorenen, roten Rose. Prinz Frost streifte sich Reifnadeln aus den Wimpern, streute davon auf den geknickten Blütenkopf der Rose und fühlte wieder wie ihre Dornen in seine Brust gedrungen waren. Behutsam schlug Frau Natur ihren weiten Mantel um den Sohn und während das blaue Licht verglomm, flogen sie zurück ans Ende der Welt. Die Lichtung ruhte wie zuvor in nächtlicher Schneehelle und drei Rosen warten nun im Schatten des kleinen Hauses.



- Hier endet nicht nur die Geschichte der Winterrosen, sondern sogar ein ganzes Jahr.


- Und Dir LeserIn wünsche ich ein gutes, neues Jahr und möge es wie hier zu sehen ist das oft Gegensätzliche in unserem Leben vereinen...
                              

- Licht und Dunkelheit, Eis und Feuer, Natur und Menschengemachtes...alles unter einem Himmel. 


Kap Horn, Verwalter von "Svenserum"

30. Dezember 2009

Ende gut...

Wer bisher mitgelesen hat, weiß, ich mag Geschichten, sowohl selbst erzählen als auch lesen.



Denn in einer guten Geschichte, so ist die Welt anders als sie zu sein scheint.


Da können Bäume selbst nach unten in einen Himmel voller Wasser wachsen.


Wer kann schon sagen, was wahr ist?






- Und der gleiche gute Mensch, der schon andere Geschichten wie die vom Weg, von der Wassernixe oder von Heimweh und Sehnsucht geschrieben hat, ist damit einverstanden, dass ich auch diese Geschichte weitererzähle.

- Hier die erste Erzählung von Zweien. Es ist die wahre oder beinahe wahre (denn wer kann das schon wirklich wissen?) Geschichte von den...


Winterrosen


Was in dieser Wintersonnwendnacht geschah, hatte seine Wurzeln in einem November, in dem sich drei Kinder von Frau Natur, der Nebel und der Regen und ihre Schwester Dunkelheit, fast zu Tode arbeiteten und dabei die Menschen an den Rand ihrer Kräfte brachten. Die drei folgten ihrem Lebensgesetz und doch schnitt ihnen ins Herz, wie die Menschen unter ihrem Regiment litten und sich in quälender Sehnsucht nach dem Licht verzehrten. Besonders bedrückt waren die drei, wenn sie jene Waldlichtung besuchten, von der die lustigen Zwillingsbrüder Frühling und Sommer so lindgrüne Geschichten zu erzählen wußten, zu Hause in der täglichen Ruhestunde um Mitternacht, wenn Mutter Natur den Tisch zur Stärkung für ihre Kinder deckte. Nebel, Regen und Dunkelheit konnten Frühlings und Sommers Worten kaum glauben und hörten begierig zu; sie selbst kannten diesen Fleck Erde nur im diffusen Grau und in den Spinnenarmen der Finsternis, die sich in diesem November nur für zwei Tage mit Sonne durchlichtet hatte.
Nirgends waren die drei willkommen und der Herr des kleinen, roten Hauses auf der Lichtung machte da keine Ausnahme. Murrend mußte er das Werkzeug weglegen, wenn schon um drei Uhr die Dunkelheit auf schwarzen Samtschuhen herhuschte und unerbittlich ihre Arme um die Lichtung schlang. Und mißmutig seufzte er, wenn Nebel und Regen ihm mittags den Kopf mit schweren Wolken umzogen.

An einem Abend Ende November war Regen nur zögernd hinter Nebel und Dunkelheit hergeflogen zur mitternächtlichen Essenspause im Haus der Mutter am Ende der Welt, dabei war er sonst der erste, den es zur heißen Suppe zog. Der Hausherr hatte an diesem Tag lange vor einem jungen Baum gestanden und nachdenklich die Zweige gemustert. Nebel riß neugierig in den Zweigen hängend seine trüben Augen weit auf, um zu entdecken, was der Hausherr denn gar so nachdrücklich suchte. Da hatte einer der Zweige zu zittern begonnen und schließlich sahen Nebel und Regen, der sich kräftig schauernd dazugesellte: das Zittern nahm seinen Ausgang von winzigen Ausstülpungen, die prall viele Schichten fest übereinandergelegt hatten. Nebel roch daran, dann tupfte er leicht hin, ein wenig klebrig wurden seine Finger, Regen rollte in unzähligen Tropfen die Zweige entlang, um das Geheimnis zu lüften, dann hörten die Brüder zarte Stimmen: „Ihr seht schon richtig, wir sind, was euer Bruder Frühling so oft mit überschäumender Lust besingt, wir sind Knospen, genauer Lindenknospen, alles steckt in uns als Lebenskraftpaket, um aufzuspringen in Frühlings ausgebreitete Arme, nur wenige Monate noch, dann küßt uns Herrin Sonne und wir dürfen uns entfalten. Wenn, ja wenn...“. Die Stimmchen waren kaum noch zu hören, „wenn Prinz Frost uns nicht tötet .“ Angestrengt lauschte Nebel und Regen schüttete noch heftigere Schauer über die junge Linde. Aber kein Wort mehr.

Regen bewunderte seinen starken Bruder Frost sehr. Zerfloß er doch nicht wie er selbst in fast unsichtbare rollende Tropfen, hier hin und dort hin, kleidete sich nicht in schweren grauen Loden. Nein, Frost trug gleißendes, leichtes Weiß, einen Pelz aus Eisnadeln locker um die weißblonden Locken und die kräftigen Schultern geschlungen und von einer Schneekristallagraffe gehalten und raffte elegant seine lange, schwere Schleppe aus Stille. Höchstens der blanke Eisdegen klirrte oder die Eiszapfensporen. Stolz schritt er daher, ein Prinz vom Scheitel bis zur Sohle, alle suchten ihn in ihr Reich zu locken: die Eiskönigin, die Schneeprinzessin, die Herrin des Polarsterns, die Eisblumenfee... vergeblich. Unter seinem sicheren Griff wurden die Dinge klar, fest, und bekamen deutliche Kontur. Frost war hart und ein Blick aus seinen hellen blauen Augen genügte, und alles ringsum erstarb, beugte sich ihm und erstarrte.

Ja, so unverwundbar, strahlend hell wäre Regen auch gerne gewesen, ahnte er doch so wenig wie die anderen Geschwister von jenem eisblauen Loch in Prinz Frosts Brust, in dem er seine schmerzliche Sehnsucht tief verborgen eingefroren trug. Nur Mutter Natur wußte darum und sie verriet ihn nicht. Regen schüttelte betrübt den Kopf und sein Haar triefte. Schon breitete er die schweren grauen Schwingen zum mitternächtlichen Flug, da zog die vor ihm fliegende Dunkelheit ihren Mantel ein wenig enger um sich und für einen Augenblick klaffte ein Lichtspalt auf. Im schmalen goldenen Streif sah Regen aus nassen Augen etwas aufglühen, so überwältigend lebendig, daß die ochsenblutrote Wand des kleinen Hauses davor verblaßte. Die letzte Rose! An diesem Tag hatte sie begonnen ihre Blätter zu entfalten, jetzt wo der November sich endete. Nebels Radmantel streifte sie leicht, sie bebte und stand wieder still, hoch aufgerichtet. Regen stockte der Atem – solch glutvolle Schönheit, ein lebendiger Rubin vor Nebels weichem Dunkelgrau. Regens Tropfen trafen die samtigen tiefroten Blätter, perlten blitzend ab. „Wo bleibst du denn“ drängte Dunkelheit, ließ den Mantel locker und sie flogen durch undurchdringliche Schwärze weiter.