30. September 2009

Der Ruf des Wolfes

Wenn dem Feuerhüter der Schrei des Adlers durch Mark und Bein ging, so ließ das was er jetzt hörte sein Blut gefrieren.

- Gerade hatte er einen trockenen Ast auf das Feuer gelegt, da hört er des großen Grauens Ruf und er verharrte mitten in seiner Bewegung.
Kraftvoll, wuchtig war das Heulen, voller ungezähmter Wildheit, und eine Stimmung verbreitete sich durch den Wald wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. Es war, als hielt die Natur ihren Atem an, ja selbst die Flammen, sonst immer in tanzender Bewegung, schienen für einen kurzen Moment reglos zu einem Bild zu erstarren.

- Sogar die Zeit hörte für einen Augenblick auf zu existieren, so mächtig war die Stimme.
In dem kurzen, zeitlosen Augenblick wurde dem Wanderer bewusst: das Blut seiner Vorfahren, wenn auch immer wieder vermischt, floss in ihm. Deren Gene, wenn auch immer wieder angepasst, und die darin gesammelte Information aller Generationen vor ihm, lagen zusammen mit den eigenen Erfahrungen und Anpassungen in seinen Zellen eingebettet.

- Und diese Vorfahren hatten den gleichen Ruf vor einer? vor zwei? Millionen Jahren schon gehört, er machte eine Zeitreise die ihn mit Lichtgeschwindigkeit zu den Tagen führte, als der Mensch gerade das Feuer für sich entdeckte und seine wirkliche Reise anfing, denn selbst diese Tage waren ein Teil seiner Geschichte, so wie alle folgenden und hatten ihn geformt durch die Millionen Jahre so wie Wasser Steine formt und ihn genau zu dem werden lassen, der er heute war.

- Das gleiche Feuer vor dem er jetzt saß, vor dem saßen seine Urahnen und auch sie hörten den Wolf und auch ihnen wurde wohl das Blut kalt vor Angst.
Er wurde sich plötzlich seines Alters als Art Mensch bewusst! Und alle Erfahrungen die seine Vorfahren gesammelt hatten, waren in ihm vorhanden. Wenn auch unter vielen Lagern von Generationen verborgen, so waren sie doch da und wurden ihm plötzlich durch den Ruf des Grauen zugänglich.

- Als er dies alles in dem kurzen Zeitvakuum gewahr wurde, so verschwand die Eiseskälte, sein Blut floss leicht durch seine Adern, sein Rücken streckte sich. Und er verstand: er war jung und er war alt und die Gegensätze die sonst des Menschen Verständnis für seine Welt ausmachen, hoben sich auf und er hörte sich selbst leise murmelnd sagen: „Ich bin!“.
- Langgestreckt war das Heulen, da war Sehnsucht und Einsamkeit zu hören, da war Hunger und kalter Winter eingebettet, da war Lebensfreude und Wohlsein zu spüren. Es war ein Ruf voller Selbstvertrauen und endete so abrupt wie er unerwartet angefangen hatte.

-Aber nicht lange, und noch einmal erhob der große Graue seinen Kopf und seine Stimme.
Doch diesmal war es kein Heulen, sondern ein langgestreckter Ruf voller wilder, ungebändigter und ungebrochener Freiheit.


- So erscholl plötzlich eine Antwort, weit in der Ferne...oder war es nur das Echo? Die Stille die folgte war so rein, so klar, der Weitgereiste konnte selbst die Luft hören.
- Wie lange er so saß? 
Welche Rolle spielt das schon!

- Doch als er wieder seine Umgebung wahrnahm und sich umschaute, so saßen nur noch die Frau und die Elfe am Feuer. Die Eiche, der Elch, der Adler, die Libelle, der Wolf, alle waren sie spurlos verschwunden und es erschien ihm, als hätte die Begegnung mit ihnen nie stattgefunden.

- Er schaute der Frau ihm gegenüber durch die Flammen schweigend in die Augen, ihre Blicke fanden sich und er wusste, dass sie wusste welche Erfahrung er eben erlebt hatte. 
„Sagte ich es Dir nicht? Es ist eine Nacht in der die Wölfe heulen!“ sprach sie schließlich zum Lodenbekleideten mit glitzernden Augen und lächelte dabei warm.

- Und so begann die Elfe leise zu singen...

***


1 Kommentar:

Spunk hat gesagt…

Wenn ich will, kann ich viele Worte finden. Aber das muß ich nicht. Das Foto sagt alles aus...